Gutachter identifiziert 202 Beschuldigte im Erzbistum Köln | Aktuell Deutschland | DW

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Endlich ist es so weit: Der Strafrechtler Björn Gercke hat sein Gutachten zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch vorgestellt, das erhebliche Konsequenzen haben könnte.  Kardinal Rainer Maria Woelki hat den Kölner Juristen damit beauftragt. Das Team um Gercke hat untersucht, wie Bistumsverantwortliche mit Fällen sexueller Gewalt durch Geistliche umgingen. Das Gutachten soll auch Vertuscher beim Namen nennen.

Gercke ermittelte in der Untersuchung zum Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum Köln 202 Beschuldigte im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch. Insgesamt hätten sich Hinweise auf 243 Beschuldigte ergeben, teilte Gercke in einer Pressekonferenz mit. Nach den Aktenrecherchen gab es 314 Betroffene sexualisierter Gewalt, die überwiegend männlich und unter 14 Jahre alt waren zum Zeitpunkt der Tat. Zudem ergab das Gutachten der Kölner Kanzlei, dass ein Großteil
der Taten vor 1975 stattgefunden hat, aber erst nach 2010 angezeigt wurde. Gercke betonte in Köln, das juristische Gutachten umfasse mehr als 800 Seiten und sei “ungeschwärzt”.

Es handelt sich um die zweite Untersuchung für das Erzbistum – die erste Untersuchung einer Münchner Anwaltskanzlei ließ der Kölner Kardinal nicht veröffentlichen, weil Experten sie für mangelhaft halten. In einer teils harten Auseinandersetzung warfen Kritiker dem Kardinal fehlenden Aufklärungswillen und schlechte Kommunikation vor.

Mehr als 200 Beschuldigte

Die neuen Gutachter um Gercke haben 236 Aktenvorgänge aus der Zeit zwischen 1975 und 2018 ausgewertet. Gercke hat vorab mitgeteilt, dass seine Untersuchung mehr als 300 Opfer und über 200 Beschuldigte aufführt. Der Fokus des Gutachtens liegt nicht auf den Tathergängen, sondern auf dem Agieren der Bistumsleitung. “Es geht uns nicht darum ‘Was hat Priester X dem Kind Y angetan?’, sondern ‘Haben Kardinal, der Generalvikar, sonst ein Bistumsverantwortlicher richtig gehandelt?'”, sagte Gercke dem “Kölner Stadt-Anzeiger”. Dabei seien “Pflichtverletzungen noch lebender Akteure” auch auf höchster Ebene festgestellt worden. Zudem hätten einige Verantwortliche sowie ihre Anwälte bereits versucht, die Vorwürfe auszuräumen. Der Kardinal hat den Strafrechtler beauftragt, Verantwortliche namentlich zu benennen – gegebenenfalls auch ihn selbst.

Deutschland Kardinal Rainer Maria Woelki

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Kardinal Rainer Maria Woelki

Bekannt ist, dass das erste Gutachten das Verhalten des früheren Kölner Personalchefs Stefan Heße – heute Erzbischof von Hamburg – kritisch beurteilt. Heße bestreitet die Vorwürfe. Woelki hat gesagt, er wolle Führungskräfte des Erzbistums eventuell vorläufig von ihren Aufgaben entbinden, falls sie durch das neue Gutachten belastet werden sollten. “Sofern es mich betrifft, habe ich bereits erklärt, dass ich mich den Ergebnissen der Untersuchung stellen werde”, versicherte er. “Dasselbe erwarte ich aber auch von anderen.” Vertuschung oder Mauschelei dürfe es in Zukunft nicht mehr geben.

Woelki steht in einem Fall selbst im Visier. Er soll den mittlerweile gestorbenen Düsseldorfer Pfarrer Johannes O. geschont haben, dem der Missbrauch eines Kindergartenjungen Ende der 1970er Jahre zur Last gelegt wird. Nachdem Woelki 2014 Erzbischof von Köln geworden war, entschied er sich, nichts gegen O. zu unternehmen. Seine Begründung dafür: O. sei aufgrund einer fortgeschrittenen Demenz “nicht vernehmungsfähig” gewesen.

Konsequenzen am Dienstag?

Erste Konsequenzen sollen in einer weiteren Pressekonferenz am Dienstag nächster Woche bekannt gegeben werden. Zwei Tage später auch das erste Gutachten nun doch zur Einsicht auszulegen. Dies gelte für “Betroffene, Medienvertreter und die interessierte Öffentlichkeit”.

Das Zurückhalten des ersten Gutachtens löste im größten deutschen Bistum eine Vertrauenskrise aus. Schon seit Monaten ist es äußerst schwierig, einen Termin für einen Kirchenaustritt zu bekommen. Sogar der ehemalige Missbrauchsbeauftragte des Erzbistums, Oliver Vogt, trat aus Enttäuschung über den Umgang mit Missbrauch aus der Kirche aus.

Rüge von Bischof Ackermann

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Bischof Stephan Ackermann, kritisierte Woelki im Vorfeld. Der “Bild”-Zeitung sagte er: Woelkis Umgang mit den Vorwürfen erzeuge “eine große Enttäuschung und Irritation bei Betroffenen und der Öffentlichkeit. Aber es ist auch misslich für die anderen Bistümer in Deutschland.”

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Der Kölner Staatsanwaltschaft liegt das erste Gutachten schon länger vor. Die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen, doch bisher wurden keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Ermittlungen gefunden: Dafür seien die Taten schon zu lange her, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Auch bei Kardinal Woelki persönlich sieht die Staatsanwaltschaft kein strafrechtlich relevantes Verhalten. Nach Angaben von Gercke liegt mittlerweile auch das neue Gutachten bereits bei der Staatsanwaltschaft.

kle/gri (kna, dpa, epd, afp, Phoenix)




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