Kampf um Berg-Karabach – Leben im Kriegszustand | Asien | DW

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Die Flammen haben kaum etwas übrig gelassen von Ilgar Farzaliyevs altem Leben. Das Silbergeschirr in der Küche, ein Brillengestell, Familienfotos. Verbrannte Erinnerungen. Anfang Oktober habe eine Rakete sein Haus getroffen, erzählt er. Der Ort, an dem er 35 Jahre lang gelebt hat – ausgebrannt bis auf die Mauern. Jetzt steht Farzaliyev in dem Raum, der einmal der Flur war und schaut sich ratlos um. ”Unsere ganze Familie war hier. Wir haben ferngesehen, als es im Hinterhof eine Explosion gab”, sagt er. ”Wir sind rausgerannt und haben die Feuerwehr gerufen. Aber als die hier ankam, war es schon zu spät.”

Ilgar Farzaliyev (Julia Hahn/DW)

Ilgar Farzaliyev in seinem ausgebrannten Zuhause

Ilgar Farzaliyev lebt in der aserbaidschanischen Kleinstadt Barda, rund 20 Kilometer von der Front bei Berg-Karabach entfernt. Er ist überzeugt, dass Armenien für den Angriff auf sein Haus verantwortlich ist. Das Nachbarland habe in den vergangenen Wochen gezielt viele zivile Ziele in der Umgebung bombardiert, sagt er. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht.

Angebrannte Fotos (Julia Hahn/DW)

Verbrannte Familienfotos

Seit Ende September sind Armenien und Aserbaidschan wieder im Krieg um Berg-Karabach. Laut Völkerrecht gehört die Region zu Aserbaidschan, doch kontrolliert wird sie von armenischen Separatisten. Beide Seiten melden militärische Erfolge. Beide Länder werfen sich gegenseitig vor, die Gefechte anzufachen – und absichtlich Wohnviertel anzugreifen.

Zwei durch Russland vermittelte Waffenruhen sind bereits gescheitert. Auch eine dritte Feuerpause, vereinbart in Washington, wurde schon gebrochen. Die Zahl der getöteten Zivilisten liegt nach einem Monat bei mehr als 100 insgesamt. Mehr als 970 Soldaten sind laut armenischen Behörden bereits gefallen. Aserbaidschan hat bislang keine Angaben zu Verlusten bei seinen Streitkräften gemacht.

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Krieg der Bilder

Der Krieg um Berg-Karabach ist auch ein Kampf um die Deutungshoheit. Beide Regierungen versuchen, über soziale Medien und Fernsehbilder die Stimmung in ihrem Sinne zu lenken.

Schild mit einer ausgestreckten Faust eingefärbt mit der aserbaidschanischen Flagge (Julia Hahn/DW)

Kriegspropaganda am Straßenrand: “Karabach gehört zu Aserbaidschan” steht auf dem Schild

Im autoritär regierten Aserbaidschan wird die Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt, kritisieren Menschenrechtsorganisationen. Aktuell gilt Kriegsrecht. Von 21 Uhr abends bis 6 Uhr morgens gilt im ganzen Land eine Ausgangssperre. Das Internet wird immer wieder gedrosselt, es gibt strenge Zensurbestimmungen. Twitter, Facebook und Messenger-Dienste werden blockiert. Propaganda und Kriegsrhetorik bestimmen den Alltag. Ausländische Journalisten können sich in der Nähe der Front nicht frei bewegen. Sie sehen nur, was die aserbaidschanischen Behörden sie sehen lassen.

Karte Armenien Aserbaidschan Berg-Karabach mit Barda DE

Die Mittelschule Nummer 6 in Barda zum Beispiel. Die Kinder, die vor dem Gebäude Ball spielen, haben nicht etwa gerade Pause. Sie sind Flüchtlinge. Seit Beginn der Kämpfe vor einem Monat sind die Klassenzimmer Notunterkünfte – für inzwischen fast 100 Familien. Die meisten kommen aus der Nachbarstadt Tartar, direkt an der Front bei Berg-Karabach. Dort beschießen sich armenische und aserbaidschanische Truppen seit Wochen mit Artillerie. Viele Einwohner von Tartar haben deshalb ihre Häuser verlassen und sich woanders in Sicherheit gebracht. Einige harren dort noch in Schutzkellern aus.

Alter Konflikt, neue Gefechte

Das dumpfe Knallen der Artilleriegeschosse ist bis auf den Schulhof von Barda zu hören. Gleich am Eingang des Gebäudes legen Kinder rote Nelken vor einem Schwarz-Weiß-Foto nieder. Ein Gedenkort für einen aserbaidschanischen Soldaten, gefallen im Krieg um Berg-Karabach vor fast 30 Jahren. Damals, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, verlor Aserbaidschan die Kontrolle über das Gebiet. 1994 vermittelte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) unter dem Vorsitz von Frankreich, den USA und Russland eine brüchige Waffenruhe. Ohne jedoch eine langfristige Lösung für den Territorialstreit durchzusetzen.

Musella Musayeva in einem Klassenzimmer (Julia Hahn/DW)

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Notunterkunft statt Schulunterricht: Schulleiterin Musella Musayeva

Alle hier in der Schule von Barda sind überzeugt, dass ihre Armee einen gerechten Kampf führt. Auch Musella Musayeva, die stellvertretende Schulleiterin.Dass es auch Angriffe auf armenische Zivilisten gegeben haben soll, dass es auch dort viele Tote und Geflüchtete gibt, glaubt sie nicht. ”Ich weiß nicht, was auf der armenischen Seite passiert, ich weiß nur, was ich bei uns im Fernsehen sehe”, sagt Musayeva. ”Aber ich bin überzeugt, dass die Armenier verlieren werden. Sie sollten sich zurückziehen. Wir kämpfen nicht, um armenisches Territorium zu erobern, wir wollen nur zurück, was uns gehört.”

Waffengewalt statt Diplomatie

Ähnlich sieht das Zabil Aliyev. Er ist schon seit einigen Wochen in der Schule. Mit seiner Frau Nahide und seinen drei Enkelinnen. Auch sie kommen aus Tartar direkt an der Front. Jetzt wohnen sie dort, wo normalerweise der Unterricht stattfindet. Auf den Schulbänken stehen Tassen und Teller. Auf dem Fußboden ein Gaskocher. ”Ich mache mir Sorgen um die Mädchen. Sie hatten solche Angst, als die Gefechte losgingen”, sagt Aliyev, der auf einem Klappbett sitzt und die Kinder beobachtet. ”Woher sollen sie auch wissen, was Explosionen sind. Sie sollten zur Schule gehen, Unterricht haben. Aber sie sollten nicht lernen müssen, wie sich Bomben und Raketen anhören.”

Die Familie auf Notbetten sitzend (Julia Hahn/DW)

Geflohen vor den Kämpfen an der Front: Zabil Aliyev und seine Enkelinnen

An Feuerpausen und diplomatische Vermittlungen glaubt Zabil Aliyev nicht. Sein Namensvetter, der aserbaidschanische Präsident, setzt weiter auf den Vormarsch seiner Armee – Diplomatie hin oder her. ”Niemand kann unsere Entschlossenheit stoppen”, sagte Ilham Aliyev gerade erst in einer im aserbaidschanischen Staatsfernsehen ausgestrahlten Lagebesprechung mit hochrangigen Militärs. Man werde ”den Feind zurückdrängen”, bis Berg-Karabach zurückerobert sei. Was das für die Zivilisten auf beiden Seiten in diesem Krieg bedeutet, auch für die Flüchtlinge in der Schule von Barda, kann niemand sagen. Ob sie wieder nach Hause können – oder ob es auch hier bald zu gefährlich wird.

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