Mein ganz persönliches Weihnachtswunder | Aktuell Europa | DW

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In jenem Winter, als meine Tochter geboren wurde, begaben sich mein Vater und meine Mutter aus ihrem abgelegenen Städtchen in Südostbulgarien zu uns nach Sofia. Sie wollten unbedingt das Baby sehen. Sie nahmen den ersten Zug, den sie kriegen konnten, kamen in unsere Wohnung, wuschen sich gründlich. Und erstarrten in Ehrfurcht an der Schwelle zum Kinderzimmer.

Mit der langsamen Kamelkarawane, die die bulgarische Eisenbahn nun mal ist, waren sie die ganze Nacht unterwegs gewesen, genau wie die drei Weisen aus dem Morgenland. Natürlich hatten sie auch Gaben dabei, nicht gerade Gold, Weihrauch und Myrrhe, wobei meine Mutter die goldenen Ohrringe, die sie von ihrer Mutter hatte, für das Kind in eine kleine Schachtel gepackt hatte, zusammen mit irgendeiner Silbermünze. Mein Vater hatte eine “Surwatschka” geschmückt, einen jungen Ast, den Kinder traditionell an Weihnachten bekommen.

Deutschland Weihnachtskrippe

“Jede Geburt ist Christi Geburt. In klein. Für die Familie. Ein fragiler Sieg des Lebens.”

Ich sah die Szene und verstand ihre Bedeutung. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges würde sagen, dass sie eigentlich geschah, um eine andere Szene zu wiederholen, eine andere Geburt. Mir wurde zudem klar, was wohl alle Eltern wissen: Jede Geburt ist Christi Geburt. In klein. Für die Familie. Ein fragiler Sieg des Lebens.

Meine Mutter und mein Vater standen schüchtern und glücklich wie die drei Weisen an der Schwelle zum Kinderzimmer und verehrten das Baby. Vielleicht ist das falsch ausgedrückt, aber sie hatten definitiv Respekt. Das Kind war klein wie ein Komma, es brüllte und war noch gekennzeichnet von der Gelbsucht der Neugeborenen. Meine Eltern senkten die Köpfe und taten, was ich am wenigsten erwartet hatte: Sie küssten die Hand des Kindes. Das läuft in der patriarchalen Kultur Bulgariens eigentlich genau umgekehrt: Die jüngere Person küsst die Hand der Älteren, verbeugt sich und zeigt so Respekt.

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Das Wunder der Geburt

Die Geburt aber stellt alles auf den Kopf. Meine Eltern machten ein paar vorsichtige Schritte. So ehrfürchtig, als wollten sie sie sich vor jemandem verneigen, der aus einer anderen Welt gekommen war. (Und das war ja eigentlich, nur unter uns, tatsächlich so: Das Kind kam ja wirklich aus einer anderen Welt. Es war neun Monate unterwegs, bis es hier ankam.)

Bulgarien Christen und Moslems feiern Weihnachten zusammen

Kinder und ein Weihnachtsmann bei einer gemeinsamen christlich-muslimischen Weihnachtsfeier in Bulgarien 2018

So habe ich meine Eltern noch nie gesehen. Ja, sie waren immer die gütigsten Menschen, die ich je getroffen habe – aber mit uns Kindern waren sie nie besonders zimperlich gewesen. Sie verpäppelten uns nicht. Uns die Hand küssen? Um Gottes willen! Wir Kinder im kommunistischen Bulgarien wurden ohne große Rituale geliebt, wir waren einfach lästige kleine Dinger, die lernen mussten, wo ihr Platz ist. Und der war sicher nicht bei den Erwachsenen. Von uns wurde nur zwei- oder dreierlei erwartet: uns zu benehmen, fleißig zu lernen und das, was wir zuhause hörten, draußen nicht weiterzuplappern. Und sich beim Einkaufen zurückzuhalten, denn das Geld war knapp, das wussten wir alle.

Die Tränen meiner Großmutter

Jeder von uns, selbst der Ärmste, hat Erinnerungen an Weihnachtsfeste aus der Kindheit, selbst wenn sie heimlich gefeiert werden mussten. Meine Großmutter, die als Waise von Pflegeeltern großgezogen wurde, hat mir erzählt, dass sie am Heiligen Abend in den Stall ging, ein neu geborenes Lamm umarmte und weinte. Beim Erzählen weinte sie wieder und sagte, dass sie das Lamm nie vergessen würde. Ohne sich dessen bewusst zu sein, erzählte sie mir eine biblische Szene.

Bulgarien Sofia zu Weihnachten

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Blick auf einen geschmückten Weihnachtsbaum im Zentrum von Sofia

Ich selbst denke alle Jahre wieder an den Weihnachtsbaum, den meine Mutter und ich gemeinsam mit Glaskugeln und echten Kerzen geschmückt haben. Und auch daran, wie Vater und Großvater in Pelzmänteln ins Hause kamen, wie sie den Schnee von sich schüttelten, bis der Raum ganz weiß war.

Weihnachts-Zutaten

Ich werde nie das Lichtspiel vergessen, das Ofen und Ölfunzel veranstalteten. Oder wie ich mich auf dem Bett zusammenrollte, während ich den Gesprächen der Erwachsenen zuhörte. Oder in meinem neuen Andersen-Märchenbuch mit den hübschen Bildern versank. Weihnachten ohne das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, den standhaften Zinnsoldaten oder die wilden Schwäne, das gab es nicht.

Deutschland Adventskalender Das kleine Mädchen mit den Schwefekhölzern

Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern, Illustration in einem Andersen-Märchenbuch

Als sich meine Eltern in jenem Winter zurück nach Hause aufmachten, flüsterte mir mein Vater ins Ohr: “Hoffentlich lebe ich noch ein-zwei Jahre, damit mich dieses Kind in Erinnerung behalten kann. Das ist alles, was ich will.” Er stand kurz vor einer Operation – und das war sein Traum, seine Vision von Unsterblichkeit: in der Erinnerung eines Kindes zu bleiben. Und das Wunder geschah, die unheilbare Krankheit verschwand. Seitdem sind mehr als zehn Jahre vergangen, meine Tochter ist jetzt ein Teenager – und mein Vater glaubt fest daran, dass sie ihm das Leben gerettet hat.

Jesus, Maria und Josef

Das sind kleine, persönliche Wunder. Aber tatsächlich sind alle Wunder klein und persönlich. Ich wollte diese Geschichte nicht zu einem anderen Zeitpunkt erzählen, sondern gerade jetzt, wo wir am meisten Angst um unsere Liebsten haben. Manchmal kann man nichts tun, als sie zu trösten und ihnen zu sagen, dass man sie liebt.

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Es gibt diesen einen Tag, an dem wir, die wir das ganze Jahre alles Mögliche sind – Vorgesetzte und Untergebene, Arbeiter, Journalisten, Unterschätzte, Beleidigte, Beleidigende, Schreiende und Angeschriene, strahlende junge Helden und Patrioten, Bulgaren und Europäer -, all das ablegen können. Der Tag, an dem wir einfach Kinder unserer Eltern und Eltern unserer Kinder sein dürfen.

Dieses Fest ist so schön, weil wir die Ankunft eines Kindes feiern. Und wo es ein Kind gibt, da werden alle zu Kindern. Und zu Müttern und Vätern. Jeder Mensch ist Jesus, Maria und Josef. Das ist keine Blasphemie. Es ist der Sinn und das Wunder des Lebens. Und ein Wunder ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

Georgi Gospodinov (geb. 1968) ist der meistübersetzte zeitgenössische bulgarische Schriftsteller. Er ist unter anderem Träger des Mitteleuropäischen Literaturpreises Angelus (2019) und des Jan Michalski-Literaturpreises. Zurzeit ist Gospodinov Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin.




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