Ukraine aktuell: Wachsendes Entsetzen über Massaker in ukrainischer Stadt Butscha | Aktuell Europa | DW

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Immer mehr Indizien für russische Kriegsverbrechen in der Stadt Butscha
  • Bundesminister wollen härtere Sanktionen gegen Moskau
  • Explosionen in der Hafenstadt Odessa und Mariupol
  • Selenskyj erwartet russische Angriffe im Osten und Süden
  • Baltische Staaten stoppen Gasimport aus Russland

Die Empörung über mutmaßliche Gräueltaten an Zivilisten in der ukrainischen Stadt Butscha durch russische Soldaten wird international immer größer. Die russische Armee hatte sich zuletzt in der Region um Kiew zurückgezogen. Die ukrainischen Streitkräfte rückten nach ukrainischer Darstellung umgehend in mehr als 30 Städte und Dörfer um die Hauptstadt ein. In Butscha wurden nach Angaben der ukrainischen Behörden fast 300 Leichen gefunden. Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten, dass zahlreiche Toten zivile Kleidung getragen hätten. Sie sahen auf einer einzigen Straße in Butscha mindestens 20 Leichen liegen. Mindestens einem der Toten waren die Hände gefesselt.

„Alle diese Menschen wurden erschossen“, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk. „Sie haben sie mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet.“ Es stünden Autos auf den Straßen, in denen „ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer“. Nach Angaben des Bürgermeisters mussten 280 Menschen in Butscha in Massengräbern beigesetzt werden, da die drei städtischen Friedhöfe noch in Reichweite des russischen Militärs lagen.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sprach von einem „absichtlichen Massaker“ und forderte weitere Sanktionen. „Die Russen wollen so viele Ukrainer wie möglich vernichten“, schrieb er auf Twitter. 

EU-Ratspräsident schockiert von „Gräueltaten“

EU-Ratspräsident Charles Michel zeigte sich „erschüttert“ über Bilder aus dem Ort Butscha und sprach von „Gräueltaten“ und einem „Massaker“. Auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen zeigte sich entsetzt. „Eine unabhängige Untersuchung ist dringend erforderlich“, schrieb die deutsche Politikerin auf Twitter. Zugleich versicherte sie, dass die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen würden.

Die Bundesregierung hat als Reaktion auf die Leichenfunde härtere Sanktionen gegen Moskau und weitere Militärhilfen für Kiew angekündigt. Die Bilder der „hemmungslosen Gewalt“ aus dem Vorort der Hauptstadt Kiew nach dem Rückzug der russischen Truppen seien „unerträglich“, schrieb Außenministerin Annalena Baerbock auf Twitter. „Die Verantwortlichen für diese Kriegsverbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“ Die „hemmungslose Gewalt“ des russischen Präsidenten Wladimir Putin „löscht unschuldige Familien aus und kennt keine Grenzen“, schrieb Baerbock.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sagte der „Bild“-Zeitung: „Dieses furchtbare Kriegsverbrechen kann nicht unbeantwortet bleiben.“ Er halte eine Verschärfung der Sanktionen für angezeigt. Dies werde mit „unseren Partnern in der EU“ vorbereitet. Ähnlich hatte sich zuvor schon EU-Ratspräsident Charles Michel geäußert. Die britische Außenministerin Liz Truss sieht angesichts der erschreckenden Bilder „zunehmende Anhaltspunkte für Gräueltaten der Invasionstruppen“. Es müsse eine Untersuchung über Kriegsverbrechen geben, forderte Truss.

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Klitschko spricht von Völkermord

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko wirft russischen Truppen im von ukrainischen Soldaten zurückeroberten Butscha Kriegsverbrechen vor. „Das, was in Butscha und anderen Vororten von Kiew passiert ist, kann man nur als Völkermord bezeichnen“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Es seien grausame Kriegsverbrechen, die der russische Präsident Wladimir Putin zu verantworten habe. 

Russland-Ukraine Krieg | Ankunft von Hilfsfahrzeugen in Bucha

Eine Frau umarmt einen ukrainischen Soldaten nach der Ankunft eines Hilfskonvois in Butscha

Schwere Vorwürfe von Menschenrechtlern

Human Rights Watch wirft den russischen Invasionstruppen in der Ukraine Kriegsverbrechen vor. In den Regionen um Tschernihiw, Charkiw und Kiew sollen russische Soldaten ukrainische Zivilisten hingerichtet und deren Besitz geplündert haben, wie die Menschenrechtsorganisation erklärte. Die von den Menschenrechtlern dokumentierten Fälle zeigten „unaussprechliche, vorsätzliche Gräueltaten und Gewalt gegen ukrainische Zivilisten“, sagte der HRW-Regionaldirektor für Europa und Zentralasien, Hugh Williamson und forderte, Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen gegen die russische Armee einzuleiten.

Insbesondere in Butscha soll es zu Hinrichtungen durch die russische Armee gekommen sein. Laut Human Rights Watch trieben Soldaten bereits kurz nach Besetzung der Stadt Anfang März mehrere Männer zusammen und erschossen sie. Andere Augenzeugenberichte, die die Menschenrechtsorganisation aufführt, berichteten von Plünderungen und sexueller Gewalt. Russland hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert. Zuvor hatte das Präsidialamt in Moskau mehrfach dementiert, Zivilisten anzugreifen.

Explosionen in Odessa und Mariupol

Russland hat nach eigenen Angaben Ziele nahe der ukrainischen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer angegriffen. Von Schiffen und Flugzeugen aus seien Raketen auf eine Ölraffinerie und drei Treibstofflager abgefeuert worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Der Stadtrat der Metropole mit etwa einer Million Einwohnern hatte zuvor schon von Bränden im Stadtgebiet berichtet. Bestätigt wurde jedoch, dass ein wichtiger Teil der „Infrastruktur“ getroffen worden sei.

Ukrainische Medien veröffentlichten Fotos, auf denen Rauch über Odessa zu sehen war. Es soll demnach keine Verletzten gegeben haben. Dem Stadtrat zufolge wurden „einige Raketen“ von der Luftabwehr abgefangen. Diese Angaben ließen sich nicht überprüfen. Die Metropole ist der größte Hafen der Ukraine und zentral für die Wirtschaft des gesamten Landes. 

Ukraine - Explosion in Erdölraffinerie in Odessa

Nach einem Angriff auf ein Treibstofflager in Odessa steigt Rauch auf

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Rotes Kreuz bereitet neue Evakuierung vor

Auch aus der südukrainischen Hafenstadt Mariupol im Westen des Landes wurden Angriffe gemeldet. Mehrere Raketen seien eingeschlagen, teilte die Stadtverwaltung mit. Es seien Feuer ausgebrochen. Das Internationale Rote Kreuz (IKRK) bereitet sich auf einen erneuten Evakuierungsversuch von Einwohnern in Mariupol vor. Ein Hilfskonvoi war am Freitag auf dem Weg in die Hafenstadt umgekehrt, da die Lage als zu gefährlich eingeschätzt wurde. Russland machte das IKRK für die Verzögerungen verantwortlich.

Ukraine | Krieg | Zerstörung in Mariupol

Zerstörung in der südukrainischen Hafenstadt Mariupol

Die Eroberung von Mariupol ist ein wichtiges strategisches Ziel Russlands, um den Donbass unter eigene Kontrolle zu bringen. Die russische Armee hat als neuen Schwerpunkt die vollständige Einnahme der südöstlichen Region verkündet. Dafür sollen die Vorstöße auf die Hauptstadt Kiew zunächst eingestellt werden.

Selenskyj erwartet russische Angriffe im Osten und Süden

Selenskyj erwartet nun heftige russische Angriffe im Osten und Süden. „Was ist das Ziel der russischen Armee? Sie wollen sowohl den Donbass als auch den Süden der Ukraine erobern“, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft in der Nacht zum Sonntag. „Und was ist unser Ziel? Wir wollen uns, unsere Freiheit, unser Land und unsere Menschen schützen.“ Um den russischen Plänen entgegenzuwirken, werde die Abwehr der ukrainischen Streitkräfte in östlicher Richtung verstärkt. 

US-Geheimdienstexperten vermuteten im Gespräch mit dem Sender CNN, dass Russlands Präsident Putin einen Erfolg im Osten der Ukraine bis spätestens Anfang Mai anstrebt, um diesen bei der Siegesparade zum 9. Mai – zu den jährlichen Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs – öffentlichkeitswirksam zu feiern.

Junge vor einem ausgebrannten Fahrzeug

Russische Truppen sind aus der Region Kiew abgezogen – ihre Hinterlassenschaft: Zerstörung

Moskau dämpft Hoffnungen auf Ukraine-Spitzentreffen

Russland hat Hoffnungen der Ukraine auf ein baldiges Spitzentreffen der beiden Präsidenten Wladimir Putin und Wolodymyr Seleknskyj zur Beendigung des Kriegs gedämpft. Es gebe noch viel zu tun, sagte der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski der Nachrichtenagentur Interfax. „Ich teile leider nicht den Optimismus von Arachamija.“

Zuvor hatte der ukrainische Chefunterhändler David Arachamija im ukrainischen Fernsehen von einem möglicherweise baldigen Treffen der beiden Staatschefs gesprochen. Die Entwürfe der entsprechenden Dokumente seien bereits so weit fortgeschritten, dass ein „direktes Gespräch der beiden Staatschefs“ möglich sei, sagte Arachimija. Die Ukraine hatte auch schon Zugeständnisse angedeutet.

Der russische Chefunterhändler Medinski betonte hingegen, dass Russlands Position in Bezug auf die Krim und den Donbass „unverändert“ sei. Moskau fordert einen Verzicht der Ukraine auf eine Nato-Mitgliedschaft sowie die Anerkennung der abtrünnigen ostukrainischen Separatistengebiete als eigene Staaten und der 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim als Teil Russlands.

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Elf Bürgermeister verschleppt

Nach Angaben aus Kiew sind seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine elf Bürgermeister entführt worden. Amtsträger aus Gemeinden in den Regionen Kiew, Cherson, Charkiw, Saporischschja, Mykolajiw und Donezk befänden sich in russischer „Gefangenschaft“, erklärte die stellvertretende Regierungschefin Iryna Wereschtschuk. Die Bürgermeisterin von Motyschyn bei Kiew, Olga Suchenko, sowie deren Mann seien von russischen Soldaten festgenommen und getötet worden.

Die ukrainische Staatsanwaltschaft hatte die Entführung von Suchenko und ihrem Mann vor einer Woche bekanntgegeben. „Wir informieren das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, die Vereinten Nationen und alle möglichen Organisationen, genau wie bei den anderen verschwundenen Zivilisten“, erklärte Wereschtschuk. Sie fordere „alle auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sie zurückzuholen“.

Kein russisches Gas mehr in die baltischen Staaten

Die baltischen Staaten haben den Import von Erdgas aus Russland eingestellt. „Seit dem 1. April fließt kein russisches Erdgas mehr nach Lettland, Estland und Litauen“, sagte Uldis Bariss, Chef des lettischen Erdgasspeicher-Betreibers Conexus Baltic Grid, dem lettischen Rundfunk. Der litauische Präsident Gitanas Nauseda rief die restlichen EU-Staaten auf Twitter auf, dem Beispiel zu folgen: „Wenn wir es können, kann es der Rest Europas auch!“
Sein Land habe vor Jahren Entscheidungen getroffen, „die es uns heute ermöglichen, ohne Schmerzen die Energie-Beziehungen mit dem Aggressor zu beenden“, fügte Nauseda hinzu. Bariss zufolge wird der baltische Markt derzeit durch Gasreserven versorgt, die unterirdisch in Lettland gelagert werden.

Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

kle/uh/nob/as/fab/cw (afp, dpa, rtr, ap)




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