Wieder Großdemo gegen Lukaschenko in Minsk | Aktuell Europa | DW

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Es ist ein Meer aus Weiß-Rot-Weiß, das sich über die Straßen von Mink verteilt. Es sind die Farben der Opposition – und die der Flagge, die Belarus seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 bis 1995 nutzte. Jetzt sind sie ein Erkennungszeichen der Demonstranten, die seit zwei Wochen für mehr Freiheiten in Belarus eintreten, die eine Wiederholung der umstrittenen Präsidentschaftswahl vom 9. August fordern und den Rücktritt von Staatspräsident Alexander Lukaschenko, der seit 26 Jahren mit harter Hand regiert. 

Belarus Minsk | Streikende Arbeiter MZKT Fabrik (picture-alliance/dpa/TASS/V. Sharifulin)

Einige Metrostationen wurden von der Regierung blockiert, daher gingen viele zu Fuß ins Stadtzentrum

“Du, Luka, hast dein Volk verraten” und “Du bist unser Elend” steht auf Schildern der Demonstranten. In Sprechchören skandieren sie “Freiheit” und “Luka hinter Gitter”. Nur für einen Moment wird alles still – um 15.30 Uhr Ortszeit. Eine Schweigeminute für diejenigen, die bei den Protesten ums Leben gekommen sind. Mittlerweile sind vier Todesfälle bekannt.

Staat: “Demonstration ist illegal”

Das Innenministerium hatte vor der Demonstration an diesem Sonntag mitgeteilt, dass die “Durchführung von Massenveranstaltungen illegal” sei. “Für die Teilnahme ist vorgesehen, sie zur Verantwortung zu ziehen”, hieß es weiter. Polizeibeamte erinnerten per Megafon die Demonstranten daran. Wie DW-Korrespondent Nick Connolly vom Unabhängigkeitsplatz berichtet, wurden sie von der Menge ausgebuht. 

Weißrussland | Anti-Regierungs-Proteste in Minsk (DW/P. Bykouski)

Das Militär bezieht Stellung am Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkriegs

Das Militär übernahm die Kontrolle über nationale Denkmäler, um sie “vor den Demonstranten zu schützen”. Dies ist ein Novum, bisher wurde gegen die Proteste nur die Polizei eingesetzt, die teils brutal gegen Demonstranten vorgegangen war

“Ich liebe die Freiheit und möchte, dass meine Kinder frei sind”, sagt eine junge Demonstrantin der DW. Ein Mann, der Beobachter bei der Wahl war, war von den Ergebnissen schockiert: “Es war eine glatte Lüge. Die Zahlen waren total falsch. Man kann also nicht sagen, dass die Wahl fair war. Das kann ich [der Regierung] nicht vergeben.” Seine Freundin ergänzt: “Wir sind die ganzen Lügen leid und können die Worte unseres Präsidenten nicht mehr hören.” Die meisten der Demonstranten, mit der die DW sprach, sind fest davon überzeugt, mit den Protesten in ihrem Land etwas ändern zu können.

Weißrussland | Proteste | Voxpops (DW/N. Connolly)

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Diese Demonstrantin will Freiheit für sich und ihre Kinder erkämpfen

Wie erwartet versuchte die Regierung den Zugang zur Stadt zu erschweren, berichtet DW-Korrespondent Connolly. So wurden einzelne Fahrbahnen von Straßen gesperrt, die in die Hauptstadt führen, oder es wurden striktere Geschwindigkeitsbegrenzungen eingeführt, die es dort normalerweise nicht gibt. Weil die Sicherheitskräfte viele Metrostationen sperrten, machten sich große Menschengruppen zu Fuß auf den Weg. 

Connolly berichtet, dass im Zentrum der Stadt vorab LKWs der Sicherheitskräfte positioniert wurden, in denen bei früheren Protesten gefangengenommene Demonstranten abtransportiert worden waren. Auch Vans ohne Kennzeichnung und mit getönten Scheiben waren in Stellung gegangen. In der Vergangenheit wurden Demonstranten von Sicherheitskräften in Zivil in solche Kleinbusse gezerrt.

Vorkehrungen bei Festnahme

Die Opposition riet Protestteilnehmern nach Informationen des DW-Korrespondenten, Zettel mit Kontaktdaten von Familie oder Freunden mitzuführen. Sollte es wie in der vergangenen Woche zu Festnahmen kommen, könnten diese Zettel noch weitergereicht oder fallengelassen werden, damit Angehörige über die Festnahme informiert werden können. Der staatlichen Nachrichtenagentur Belta zufolge deutete Präsident Alexander Lukaschenko am Samstag bei einer Veranstaltung in der westbelarussischen Stadt Grodno an, dass ab Montag durchgegriffen werde.

Konvoi der Polizeifahrzeuge vor geplantem Protest in Minsk (picture-alliance/AP Photo/D. Lovetsky)

LKWs der Polizei wurden vor der geplanten Großdemonstration in Minsk positioniert

Auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz, dem Treffpunkt der Demonstranten, gab es kaum eine Verbindung zu Mobiltelefonen. “In den vergangenen Wochen war es eine Taktik der Regierung, das mobile Internet abzuschalten, um zu verhindern, dass Fotos und Videos der Demonstrationen nach außen dringen”, sagt DW-Korrespondent Connolly.

Ein Autocorso, den die Pro-Regierungsseite in Minsk geplant hatte, wurde abgesagt. Offiziell heißt es wegen möglicher Provokationen seitens der Opposition. Beobachter vermuten jedoch, dass die Unterstützer der Regierung den direkten Vergleich mit der Gegenseite scheuen. In der Vergangenheit fielen Unterstützungsdemos für die Regierung deutlich kleiner aus, zumal sie oft angeordnet waren und Menschen teils unter Druck gesetzt wurden, damit sie teilnehmen.

Minsk | Großdemonstration Opposition Anti Lukaschenko (Reuters)

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Nicht nur junge Belarussen nehmen an der Demo teil – “Zusammen” steht auf der Fahne dieser Demonstrantin

Am Abend soll es als Zeichen der Solidarität in Litauen eine Menschenkette von der Hauptstadt Vilnius bis zur belarussischen Grenze geben. Die Veranstalter erwarten bis zu 50.000 Menschen. Kleinere Menschenketten sind auch in Lettland, Estland und Tschechien geplant.

Tichanowskaja unterstützt aus dem Exil

Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja rief ihre Landsleute in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP auf, “jetzt vereint weiterzumachen im Kampf für das Recht”. Sie sei “stolz auf die Belarussen, weil sie jetzt nach 26 Jahren der Angst bereit sind, ihre Rechte zu verteidigen”.

Einige Tage nach der Wahl vom 9. August floh Tichanowskaja nach Litauen. Sie bedankte sich nun bei dem EU-Land für dessen Unterstützung. Sie fühle sich dort “vollkommen sicher”, sagte sie der Nachrichtenagentur Baltic News Service. Zu den genauen Umständen ihrer Flucht und eine mögliche Rückkehr in ihre Heimat äußerte sich Tichanowskaja nicht.

In Belarus gibt es seit der Wahl Massenproteste gegen Lukaschenko. Laut dem offiziellen Wahlergebnis war der Staatschef dabei mit rund 80 Prozent der Stimmen wiedergewählt worden. Kritiker werfen Lukaschenko massiven Wahlbetrug vor. Auch die EU erkannte das Wahlergebnis nicht an. Lukaschenko hat ausländische Regierungen beschuldigt, hinter den Protesten zu stecken. 

ust/uh (dw, dpa, afp, rtr)

Dieser Artikel wird bei neuen Entwicklungen aktualisiert.




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